***** Den Titel dieses Buchs kennt wohl fast jeder; gelesen habe ich den Roman erst unlängst. Vom Umfang her ist er recht überschaubar, sodass er sich relativ schnell lesen lässt, was auch durch die meistens packende Handlung begünstigt wird. Zwar kommt mir der spontane Wunsch Dorians, das Gemälde solle seiner statt altern, etwas zu schnell; nur ein giftiger Monolog des unsympathischen Lords Henry Wotton reicht anscheinend schon den jungen Schönling derart zu verstören. Wie dem auch sei, es ist faszinierend, den "Fall" des naiven, aber gutmütigen Jünglings (den man leider in dieser freundlichen Form kaum zu sehen bzw. lesen bekommt) zu verfolgen. Besonders tragisch ist natürlich das Schicksal um Sibyl Vane - aus meiner Sicht einer der besten Handlungsstränge des Romans. Das größte Highlight ist aber die Szene, in welcher Dorian erstmals die unheimlichen Veränderungen an dem Gemälde auffallen. Diese ist wahrlich schauerlich. Teilweise muss ich aber auch Chartsfohlens Kritik beipflichten; manche Längen bzw. träge Stellen hat der Roman durchaus vorzuweisen, die das Lesevergnügen etwas trüben. Zudem hatte ich am Ende der Lektüre nicht dieses Wow-Gefühl, dass ich hier gerade ganz große Literatur gelesen habe, wie es zuletzt bei Dostojewskis "Schuld und Sühne" oder "Die Brüder Karamasow" der Fall war. Tatsächlich hatte auch ich das Gefühl, dass aus der faustischen Grundidee womöglich mehr herauszuholen gewesen wäre. Nichtsdestotrotz sollte man diesen Roman einmal gelesen haben; er bietet viel, was für ihn spricht. Man muss nur diesen verdorbenen und zynischen Lord Henry, der aus mir unerfindlichen Gründen überall eingeladen und empfangen wird, irgendwie ertragen, so wie auch das traurige Schicksal des sympathischen Künstlers Basil Hallward, der aus mir unerfindlichen Gründen mit diesem Lord verkehrt. |